Hochschule für Kirchenmusik Dresden - Kantatenprojekt

Karfreitag ist der wohl traurigste Feiertag des christlichen Kalenders, ein todesnaher Feiertag, andererseits ist er aber auch mit den Ostertagen verbunden, die wiederum besonders freudige und lebensfrohe Gedanken und Empfindungen wachrufen. So überkommt einem vielleicht gelegentlich ein etwas widersprüchliches Gefühl, angesichts dieser sehr gegensätzlichen, aber dennoch sehr eng miteinander verbundenen Tage. Hermann Hesses Gedicht "Karfreitag" bringt diesen Gegensatz zum Ausdruck.

Hesse durchsetzt seine zunächst noch sehr malerisch klingenden Naturbeschreibungen immer wieder mit unerwartet düsteren Wendungen. Wird die Natur Anfangs noch recht friedlich, wenn auch kahl beschrieben, "schwingt" doch recht bald "des Frühlings Atem ängstlich". Man ahnt bereits, dass dies keine idyllische Naturszene bleiben wird. So bildet Hesse insbesondere den scharfen Kontrast ab, der einerseits durch die wieder-erblühende Natur und andererseits durch den tod-bringenden Karfreitag dargestellt wird.

Diesen häufigen Gegensätzen versucht auch die Musik gerecht zu werden. So beginnt sie, entsprechend dem Text, wie ein verhangener Tag im Frühling, gelegentlich ist ein einsamer Vogel zu hören. Die Stimmung ist verhalten, aber noch entspannt.

Doch schnell wird klar, dass diese Stimmung trügerisch ist. Anfangs sind kurze Einwürfe zu hören, die die thematische Vorlage für später wiederkehrende musikalische Szenen bilden. Entspannte Ruhephasen werden von unerwarteten Blitzen unterbrochen, immer wieder wird die Atmosphäre in Unruhe versetzt. Die ruhigen Passagen sind recht tonal angelegt, ohne sich dabei klar auf eine Tonart festzulegen. So beginnt zum Beispiel das Stück mit einem ambivalenten verminderten Akkord in den tiefen Streichern (H-D-F), der also weder Dur ist, noch eindeutig Moll (wie jeder verminderte Akkord). Auf diesem Akkord fußt der Großteil der tonalen Elemente in diesem Stück. Dagegen sind die Einwürfe und später längeren, unruhigen lauten Teile des Stücks eher clusterhaft, chromatisch gebildet und nehmen keine Rücksicht auf Tonalität. Auch die Struktur des Stückes ist in kleine Abschnitte gegliedert, mit denen der Charakter und der Rhythmus häufig wechseln. Die in Hesses Gedicht ausgedrückten Widersprüche treten dadurch deutlich hervor und werden wie im Text immer stärker, bis die verschiedenen Abschnitte sich zum Teil beinahe im 4-Sekunden Rhythmus abwechseln. So ist man permanent den unterschiedlichen Stimmungen ausgesetzt und kommt schon deshalb nicht zur Ruhe.

Der Solo-Alt Stimme wird hier ein Orchester gegenüber gestellt, das aus einer kleinen Streichergruppe, einem Fagott, zwei Oboen, Pauken und Vibraphon besteht. Der auf die Sopranstimmen reduzierte Chor wird außerdem quasi Teil des Orchesters, denn er singt fast nur Vokalisen und keinen Text und wird dadurch wie ein Instrument eingesetzt.

Die Solostimme repräsentiert fast immer das ruhige Element in diesem Stück und wird dabei von unterschiedlichen Teilen des Orchesters unterstützt.Erst im späteren Verlauf wird dies ein wenig aufgeweicht, wenn auch die Solostimme an immer lauteren Passagen beteiligt wird.

Gegen Ende verschwinden die Gegensätze in Text und Musik und emotional gesehen dominiert nun der Karfreitag. Es breitet sich eine Ruhe aus, die in der Musik zwar entspannt wirkt, aber zum Schluss hin dissonanter wird und ein wenig Unruhe verbreitet. So endet das Stück ohne einen erlösenden Schluß, er klingt entspannt doch die Ruhe "duftet Tod und duftet Fest", denn es ist Karfreitag und nicht Ostern.